Die Santnerpasshütte
Spektakuläre Architektur in den Dolomiten
Spektakuläre Architektur in den Dolomiten
VON ULRIKE LIEBIG
Der Rosengarten in Südtirol lässt uns nicht mehr los.
Nach unserer ersten Tour sind wir zurückgekehrt, diesmal auf neuer Route und mit einem besonderen Ziel:
der Santnerpasshütte auf 2.734 Metern, einem der meistdiskutierten Hüttenneubauten der Alpen.
Selten war der Weg zu einem Gebäude so lang und so schön.
Ankunft: ein Dreieck aus Stahl an der Kante
Unsere Tour beginnt am Rifugio Micheluzzi und führt weiter zur abgeschiedenen Antermoia-Hütte.
Dort kühlen wir die Füße im eiskalten Bergsee und stehen abends unter einem Sternenhimmel, wie man ihn nur fernab jeder Stadt erlebt.
Am nächsten Tag geht es über die Vajolet-Hütte und vorbei an der Grasleitenhütte Richtung Santnerpass.
Für den Nachmittag sind Gewitter angekündigt, also bleibt die Rast kurz. Über einen seilversicherten Steig erreichen wir die Gartlhütte, wo die Vajolettürme fast senkrecht in den Himmel ragen.
Für einen Moment vergessen wir den Wetterbericht. Fast.
Hinter einem Bergkamm taucht sie plötzlich auf: ein schlankes, silbrig schimmerndes Dreieck direkt an der Kante des Passes, vor der Kulisse der Rosengartenspitze.
Die erste Hütte am Santnerpass errichtete 1956 der Bergführer Giulio Gabrielli, als Stützpunkt für Alpinisten und Rettungseinsätze.
Nach Jahren des Leerstands übernahmen Michel Perathoner und Romina Huber sie und eröffneten sie 2019 wieder.
Der alte Bau war jedoch zu klein. Mit dem Neubau beauftragte die Familie das Südtiroler Büro Senoner Tammerle Architekten.
Entstanden ist ein Nurdachhaus, ein „A-Frame“:
Zwei geneigte Flächen stützen sich gegenseitig und bilden zugleich Wand und Dach.
Die steile Form bietet den extremen Wind- und Schneelasten am Pass wenig Angriffsfläche.
| Lage | Santnerpass, 2.734 m, Naturpark Schlern-Rosengarten, UNESCO-Welterbe Dolomiten |
|---|---|
| Architektur | Senoner Tammerle Architekten, Südtirol |
| Bauherr | Senoner Tammerle Architekten, Südtirol |
| Planung und Bau | Planung ab 2018, Bau 2021 bis 2023 |
| Typologie | Nurdachhaus (A-Frame), vier Geschosse, rund 11,8 m hoch |
| Nutzfläche | rund 890 m² |
| Schlafplätze | 36 |
| Tragwerk | dreieckige, hochgedämmte Holzrahmen mit Massivholzplatten |
| Hülle | Fichte, Lärche, Ahorn |
| Innenausbau | Fichte, Lärche, Ahorn |
Außen schützt verzinktes Stahlblech die Hütte vor einem Wetter, das hier oben immer unberechenbarer wird.
Das Tragwerk aber ist aus Holz: dreieckige, hochgedämmte Holzrahmen, ausgesteift mit Massivholzplatten. So übersetzen die Architekten die alpine Bautradition in eine zeitgemäße Konstruktion.
Innen bleiben Fichte, Lärche und Ahorn unbehandelt und sichtbar. Auch Sitzbänke und Bettnischen sind aus Ahorn. Ein passives Heiz- und Kühlkonzept ergänzt die Gestaltung; auf eine zentrale Raumheizung wurde verzichtet.
Die ruhigen Oberflächen lenken den Blick nach draußen. Der Gastraum öffnet sich mit großen Glasflächen zum Tal, in den Zimmern rahmen kleinere Fenster gezielte Ausblicke. Man sitzt geborgen im Holz und ist trotzdem mitten in der Bergwelt.
Zur Hütte führt keine Straße. Der Materialtransport war eine logistische Herausforderung; selbst die großformatigen Fenster wurden per Hubschrauber eingeflogen.
Die Wahl fiel trotz strenger Brandschutzauflagen auf Holz: leicht, gut dämmend und vorfertigbar.
Eine Ausnahmegenehmigung wurde durch den Nachweis der Tragfähigkeit im Brandfall und eine außenliegende Fluchttreppe ermöglicht.
Ein Detail für Technikbegeisterte: Die Isolierverglasungen wurden bei Trient auf rund 375 Metern gefertigt und auf 2.734 Metern eingebaut.
Der große Höhenunterschied stellt die Scheiben durch den veränderten Luftdruck vor besondere Herausforderungen.
Ein integrierter Druckausgleich schützt sie vor Verformung und Glasbruch
Kaum haben wir die Zimmer bezogen, zieht ein Gewitter auf.
Ein Rettungshubschrauber muss einen Einsatz am Klettersteig abbrechen, dann hagelt es, dazwischen fällt Schneegraupel, und das Anfang September.
Wir sitzen hinter der großen Verglasung im Trockenen und erleben unmittelbar, was eine Schutzhütte leisten muss.
So schnell, wie es kam, zieht das Unwetter wieder ab, und auch der Hubschrauber kann schließlich helfen.
Die junge Gastgeberfamilie empfängt uns herzlich, das Essen ist hervorragend.
Nachts steht die erleuchtete Hütte wie eine Laterne unter dem klaren Sternenhimmel.
Nicht alle sind begeistert.
Die Alpenvereine CAI und AVS kritisierten Größe und Erscheinung des Neubaus im UNESCO-Welterbe, Legambiente vergab 2023 eine „Schwarze Flagge“.
Genehmigt wurde der Entwurf nach zwei abgelehnten Vorschlägen dennoch, von der Gemeinde Tiers, dem Landesamt für Naturparke und der Stiftung Dolomiten UNESCO.
Wir finden: Gerade diese Diskussion macht die Hütte spannend.
Sie stellt eine Frage, die uns auch im Planungsalltag begleitet: Wie viel Gegenwart verträgt ein Ort mit so viel Geschichte?
Der Abstieg führt uns zum Rifugio Negritella, etwas in die Jahre gekommen, aber mit hervorragendem Essen.
Ein spannender Kontrast: So sahen Hütten jahrzehntelang aus.
Was bleibt, ist ein Bild: ein Dreieck aus Holz und Stahl an der Kante des Santnerpasses, das bei Sonne glänzt, bei Hagel schützt und bei Nacht leuchtet.
Architektur ist da, wo du bist, auch auf 2.734 Metern. Und der Rosengarten ruft bestimmt wieder.
