Die große Kunst, kleine Häuser zu bauen: Architekturtrend Tiny House – Minihaus

VON ANGELA SABO

 

46,5 Quadratmeter Wohnfläche hatte eine Einzelperson 2017 durchschnittlich zur Verfügung. Eine Größe, die vor 70 Jahren noch einer einfachen Familienwohnung entsprochen hat. Hört man sich um, so wählen Menschen ihren Wohnraum meist „so groß wie möglich“. Doch es gibt einen neuen Trend: Leben auf kleinstem Raum in sogenannten Tiny Houses.

Das Team von moeve-architekten bda betrat Neuland, als es beauftragt wurde, ein Mini-Haus für eine dreiköpfige „Familie“ zu entwerfen. Eine großzügige Raumgestaltung sollte es sein, mit dem Gefühl, Platz zu haben, quasi im Freien zu leben. Ein offenes Wohnkonzept, aber separate Bereiche für Kochen, Schlafen, Arbeiten, ein schönes Bad, eine naturnahe Bauweise, ein hochwertiges Außen-Design. Das Ganze für ein vergleichsweise geringes Budget.

Die Auftraggeber: eine ruheliebende Bewohnerin und zwei clevere Hunde, die Türen öffnen können, auch zu den unmöglichsten Gelegenheiten. „Ein kleines Haus – eine große Herausforderung“, beschreibt Architekt Michael Mogilowski die Aufgabe. „Am Ende ging es darum, Unwichtiges wegzulassen und eine intelligente Raumlösung zu finden, reduziert auf die Bedürfnisse der Bewohner. So kamen wir auf das DreiRaumHaus, ein weitgehend in Holz ausgeführtes, ebenerdiges Gebäude mit besonderem Clou: Es verzichtet auf trennende Innentüren. Außerdem haben wir großen Wert auf die enge Verzahnung mit dem Außenraum gelegt. Natur und Gebäude gehen fließend ineinander über.“ Durch die besondere Grundform entstehen trotz fehlender Türen in sich geschlossene Räume, die wiederum verschiedene Ausblicke auf das Haus öffnen. Das Tiny-Low-Budget-Haus wirkt dadurch weitläufig und lichtdurchflutet, aber eben auch ausgesprochen wohnlich.

Das DreiRaumHaus. Die Fassade ist aus Holzlatten aufgebaut, die wechsel­weise horizontal und vertikal angeordnet sind. Das wirkt bewegt und setzt Kontraste. Die dahinterliegende, farbige Wind­dichtig­keitsfolie verstärkt diese Anmutung. (Fotos: moeve architekten, Darmstadt)

Der Trend geht zum Leben auf kleinstem Raum

Mit 55 Quadratmetern ist das DreiRaumHaus nicht winzig, aber für deutsche Verhältnisse ein sehr kleines Haus. Laut Statistik kauft oder mietet eine deutsche Durchschnittsfamilie den größtmöglichen, gerade noch leistbaren Wohnraum, für den ein bis zwei Drittel des Einkommens ausgegeben werden. Viel zu viel, sagen Tiny-House-Liebhaber. Inzwischen arbeiten Architekten auf der ganzen Welt an der Konzeption minimalistischer Wohnformen. Angefangen vom Wohncontainer für Studenten bis zum Modul-System für die ganze Familie.

Wohn-Minimalismus in Extremform erforscht der Berliner Architekt und Designer Van Bo Le-Mentzel. Sein Tiny100, die kleinste Wohnung Deutschlands, misst 2  x 3,20 m und soll die Grundbedürfnisse einer Person abdecken. Die Wohnung umfasst Küche, Bad, Büro, Schlaf- und Wohnzimmer, möglich durch eine Deckenhöhe von 3,60 m. Eine verschiebbare Holzleiter führt in den Schlafbereich, der gleichzeitig als Arbeitsplatz dient. Aufgrund der geringen Größe würde diese Wohnung nur 100 Euro Monatsmiete kosten. Sie ist als kleinstmögliche Einheit eines gemeinschaftlichen Wohnens gedacht, das Van Bo Le-Mentzel “Co-Being House” nennt.

Der Prototyp der 100 Euro-Wohnung der Anfang 2016 gegründeten Tinyhouse University ist mobil. Noch bis Anfang März 2018 findet der „Bauhaus Campus Berlin“ vor dem Bauhaus-Archiv, Museum für Gestaltung statt. Akteure aus Design, Kultur und der Startup-Szene tüfteln hier an neuen Wegen in der Bildungs- und Baukultur. Alle Projekte sind in Tiny-House-Strukturen organisiert. Ziel ist der Entwurf einer gerechteren Stadt, z.B. eine Antwort auf die Frage: Wie sieht bezahlbarer Wohnraum aus? (Fotos: Tinyhouse University)

Minimalismus als Lebenskonzept – Verzicht oder Luxus oder beides?

Leben auf 6,4 Quadratmeter im Tiny100 – geht das denn? „Wir haben das Glück, in einem schönen großen Haus zu leben. Aber ganz ehrlich, wir können gar nicht alle Räume bewohnen“, antwortet eine Nachbarin auf die Frage danach, ob wohnen auf 100 oder mehr Quadratmetern eigentlich zufriedener macht. Die Gründe in ein Minihaus zu ziehen, reichen für den Einzelnen von Überlegungen zur Nachhaltigkeit, Ökologie und der Ersparnis von Geld, Zeit und Arbeitskraft bis hin zur Erkenntnis, ob Glück vielleicht in einem minimalistischen Lebensstil liegen kann. Immer größer wird die Zahl der Menschen, für die weniger tatsächlich mehr ist.

Das BoxHotel ermöglicht Übernachten in der City zu Discountpreisen. Es werden auschließlich bestehende Innenstadtflächen bebaut. Besondere Architektur- und Designelemente schaffen in den kleinen Schlafboxen ein Gefühl von Komfort und Luxus. Eine Smartphone-App ersetzt die klassische Rezeption. (Fotos: BoxHotel Göttingen)

Minimalisten vereinfachen ihr Leben und liegen damit voll im Trend. Es geht darum, das eigene Verhalten hinsichtlich Konsum, Besitz und Beziehungen auf Sinn und Notwendigkeit zu hinterfragen. Auch bei der Frage des Wohnraums. Was brauche ich wirklich, um zufrieden und komfortabel zu wohnen? Wohnraum bewusst zu verkleinern bedeutet Konsequenzen, vor allem weniger Stauraum. Man müsste sich trennen – von Möbeln, Erinnerungsstücken, Büchern, Hausrat, Kleidung. Für Viele ist das zunächst eine beängstigende Vorstellung. Doch wer einmal den Umzug in ein Minihaus gewagt hat, empfindet es meist als große Entlastung. Nur das Wesentlichste zu besitzen, schafft persönliche Unabhängigkeit – mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Geld. Zum Beispiel für die Verwirklichung von Träumen.

Der neue Minimalismus ist längst Lifestyle pur. Das reicht vom rein funktionalen Interieur bis zur „Capsule Wardrobe“, eine Mini-Garderobe, die nur noch aus einer bestimmten Anzahl kombinierbarer Lieblingstücke besteht.

„Ich glaube, es entsteht ein viel persönlicherer Raum, wenn ich mich nur noch mit dem umgebe, was ich wirklich nutze und mag. Eigentlich sind das nur wenige, sorgfältig ausgewählte Dinge“, beschreibt es einszueins-Firmeninhaber Götz Schneider, der das Lebensgefühl Tinyhouse vor Jahren im selbst ausgebauten Bauwagen getestet hat. „Auf kleinem Raum vereinfacht sich der gesamte Lebensstil. Da mein Wagen keinen Kühlschrank hatte, kamen z.B. nur noch frische Sachen auf den Tisch. Ich habe weniger eingekauft, aber wesentlich besser gegessen. Noch dazu, aus Platzgründen, am liebsten an der frischen Luft. Besser geht’s nicht.“

Tiny Houses in Deutschland – eine Definition

Der Bau- oder Wohnwagen ist der Klassiker unter den Tiny Houses. Ursprünglich kommt der Begriff aus den USA und steht für eine gesellschaftliche Bewegung, die das Leben in – wörtlich übersetzt – winzigen Häusern bevorzugt. Eine offizielle Größendefinition existiert allerdings nicht. Im deutschen Sprachgebrauch sind damit jedoch vorrangig mobile Häuschen auf Rädern gemeint. Im Gegensatz zu den USA bestehen hierzulande umfassende rechtliche Voraussetzungen, die bei der Nutzung von Tiny Houses erfüllt sein müssen. Dies gilt sowohl für die Beförderung auf öffentlichen Straßen als auch zu Wohn- oder Gewerbezwecken.

Für Natürlichkeit und Nachhaltigkeit steht das start-up Wohnwagon, das auch Probewohnen im Tiny House anbietet. Wohnwagon ist Rückzugsort, Raum für Inspiration und Gemeinschaft und eine komplett autarke Wohnmöglichkeit mit intelligenten Möbeln und Extras wie dem ausziehbaren Erker. “Im Wohnwagon findet man alles, was das Leben ausmacht und hat immer noch Luft zum Denken.” (Fotos: Wohnwagon, Wien/Österreich)

Ob mobiles Tiny House oder stationäres Mini- oder Mikrohaus – man sieht sie bei uns noch selten. Doch es gibt bereits eine Vielzahl von Entwicklern und Anbietern, die sich auf den Bau von Kleinhäusern und deren Ausstattung spezialisiert haben. Minihaus-Konzepte wie Wohnwagon gehen soweit, dass sie eine komplett autarke Wohnmöglichkeit anbieten, inklusive Wasseraufbereitung und Stromerzeugung. Andere Anbieter stellen ein voll ausgestattetes Häuschen per Kran direkt auf das Grundstück. Hersteller wie Cubig, Raumwerk oder SmartHouse bieten Modulsysteme an. Dabei bleiben Grundrisse und Gesamtgröße individuell gestaltbar. Während sich ein einzelnes Würfelhaus für Singles eignet, können Paare und Familien ihr Haus je nach Platz, Budget und Bedarf zur Seite oder nach oben wachsen lassen. Von der Planung bis zu Anlieferung und Einzug soll es nur wenige Monate dauern.

Einzelmodule von SmartHouse gibt es ab 24 Quadratmeter Wohnfläche. Ob klassischer Bungalow-Style oder zweigeschossige Stadtvilla mit Dachterasse – in Modulbauweise ist fast alles machbar. (Fotos: Smart House GmbH)

Zeitgemäßes Wohnen – für Menschen gemacht

Tiny-House-Entwickler sehen im “Downsizing” die Antwort auf alle Anforderungen an zeitgemäßes und bezahlbares Wohnen. Die Nachfrage nach Kleinhäusern steigt. „Seit zwei Jahren merkt man einen deutlichen Zuwachs”, sagt Isabella Bosler, Betreiberin des Online-Informationsportals www.tiny-houses.de in einem Interview mit dem Deutschen Handelsblatt. “Wir hatten über die Webseite auch eine Umfrage laufen, um den Bedarf festzustellen. Und da kam eine Größe von 60 bis 80 Quadratmeter heraus, in ökologischer Holzbauweise.“ Auf dem Infoportal gibt es neben umfangreichen Informationen über das Leben auf kleinstem Raum auch einen Bau-Ratgeber und verschiedene Anbieter-Porträts.

Das einszueins-Team war bei der Recherche vor allem von der kreativen Energie und der Präzision kleiner Häuser angetan, von bis ins Detail durchdachten Wohnräumen, von feinen, nachhaltigen Materialien und ungewöhnlichen Wohnorten. Zufriedenes Wohnen bemisst sich auf jeden Fall nicht an der Anzahl der Räume. Es orientiert sich eins zu eins am Menschen.

Jeder Mensch hat sein eigenes Empfinden, wieviel Wohnraum er braucht. Erstaunlich aber ist: Die meisten Menschen fühlen sich von Kleinsthäusern direkt angesprochen – selbst wenn sie bisher nicht über Minimalismus im Alltag oder eine freiwillige Reduktion ihres Wohnraums nachgedacht haben. „Seit ich als junger Student in den Häuserschluchten New Yorks unterwegs war, suche ich in der Architektur vor allem menschliche Maßstäbe. Tiny Houses faszinieren mich seitdem besonders“, fasst Firmeninhaber Götz Schneider zusammen. „Ein Haus zu entwerfen ist wie das Gestalten einer Skulptur, dafür bestimmt, bewohnt, beseelt, lebendig zu werden. Dafür muss sie für mich auf Augenhöhe mit dem Menschen sein, in Relation zu den Maßstaben der Natur – zugänglich und erfahrbar. Mein persönliches Traumhaus im Miniformat wäre wahrscheinlich erdgeschossig und stünde ohne Zaun mitten in der Landschaft.”

Wir bedanken uns herzlich für die positiven Feedbacks während unserer Recherche und für die zur Verfügung gestellten Fotos.